Die Perlentaucher von Polynesien

Mein Reisetagebuch

Zum Schlusse findest du geheime Worte:
Die Krankheit erst bewahret den Gesunden.
Dies Büchlein soll dir manches Gute zeigen,
Das Beste nur muss ich zuletzt verschweigen.

(Das Tagebuch, Johann Wolfgang von Goethe)

19.1.2018  Die letzte Nacht steckt mir in den Knochen. Die Busfahrt von Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas, zum Grenzübergang nach Thailand hatte es in sich. Und das, obwohl ich diesmal nichts dem Zufall überließ. Ein gebranntes Kind scheut bekanntlich das Feuer. Ich vergewisserte mich zwei- oder dreimal bei der Agenturangestellten, welche mir das Busticket verkauft hatte, ob ich im Sleeping-Bus wohl tatsächlich ein Einzelbett bekäme. Ein Doppelbett wäre auch ok, so dessen Maße entsprechend großzügig ausfallen würden. Ihre verständnisvolle Art, wie auch ihre bestimmt bejahende Antwort überzeugten mich nicht im Geringsten. Ich vertraue seit geraumer Zeit niemandem mehr vollends, der mir etwas verkaufen will. Also bat ich die Dame höflich, mir doch sicherheitshalber ein Foto des Businterieurs zu zeigen. Beim Betrachten desselben schossen mir Tränen der Vorfreude in die Augen und ich malte mir schon aus, wie ich lang und breit und waagrecht in dem kleinen, aber heimeligen Schlafabteil von meiner Lassibude in Kathmandu träumen würde, während mir der Sabber aus den Mundwinkeln triefte.

Stunden später fand ich mich auf engstem Raum in der Löffelchenstellung mit einem jungen Asiaten wieder. Es mag kulturelle Unterschiede in der Intimdistanz geben, was freilich zu akzeptieren ist. Meine Intimzone beträgt bescheidene 30cm, was umgelegt selbst in Zeiten der Überbevölkerung auf unserem Planeten mehr als reichlich Platz für jedermann bedeutete. Auch ohne mich umdrehen zu müssen, wusste ich: Er war ein Eindringling in meine 30cm-Zone. Bei jedem seiner Atemzüge drückte sein Bauch sanft gegen meinen Hintern. Das T-Shirt klebte mir schon rasch am Rücken. Ich versuchte, mich durch beharrliches Zählen der auf der Scheibeninnenseite hinunter kullernden Kondenstropfen vom regelmäßigen, sanften Druck gegen mein Hinterteil abzulenken und mich selbst einzuschläfern, jedoch scheint dies nur mit Schäfchen zu funktionieren. Nach ein paar Stunden war ich geneigt, meine Miniatur-Voodoopuppe, die ich für besondere Anlässe dabei habe, auszupacken, um die Reisebüroangestellte wissen und spüren zu lassen, dass ich intensiv an sie dachte.

Im Morgengrauen hielt der Bus endlich an, und nun stehe ich hier am Grenzübertritt Aranyaprathet-Poipet (auf die Grenzstadt in Kambodscha reimt sich nicht umsonst Klosett) und versuche, trotz Schlafentzuges dem neu anbrechenden Tag positiv entgegen zu blicken. Viele Pendler sind bereits mit Sack und Pack zu Fuß unterwegs Richtung Thailand. Dem gelernten Österreicher kommen beim Anblick der Menschenflut in Grenznähe freilich sofort Zaunbaugedanken. Ich lasse mich von dem Strom mitreißen, schließlich weiß die Menge sicherlich ob der zu durchlaufenden Grenzmodalitäten Bescheid. Die Schlange vor dem Grenzposten auf thailändischer Seite ist beachtlich. Hinweisschilder entlang der geordneten Reihe mit den jeweils prognostizierten Wartezeiten (60, 45, 30, 15 min) ersparen mir das eigenständige Mutmaßen. Viel zu spät, nämlich beim Schild mit der auf mich unheilvoll wirkenden Zahl 30 darauf und somit sozusagen bei Halbzeit, bemerke ich, dass meine Blase laut nach der alltäglichen Morgenentleerung schreit. Im Flow der Masse hatte ich das bislang überhört. Nun ist es zu spät, um auszuscheren. Der Bus, welcher mich weiter nach Bangkok bringen sollte, würde nicht ewig auf mich warten und ich hatte außerdem nicht die geringste Lust, mich derentwegen wieder am Ende der Menschenschlange eingliedern zu müssen. Endlich steige ich zappelig vor dem Grenzbeamten von einem Bein aufs andere und versuche, freundlich zu lächeln. Seine Frage nach meiner Einreisekarte lässt den ohnehin wenig gelungenen Versuch gänzlich und abrupt aus meinem Gesicht weichen. Wie bei „Mensch ärgere Dich nicht“ bedeutet das für mich: zurück an den Start. Ohne Einreisekarte will mich der Kleingeist nicht ins Land lassen, ich müsse mir eine im Parterre besorgen. Immerhin macht er es bei meinem zweiten Anlauf, eine knappe Stunde später, wieder gut, indem er mir statt der eigentlichen 2 Wochen Aufenthaltsgenehmigung, welche bei Einreise auf dem Landweg Standard ist, ein ganzes Monat zugesteht. Dadurch tun sich für mich neue, ungeahnte Möglichkeiten auf, was meine Weiterreise anbelangt.

21.1.2018  Ich hab mich in Bangkok wieder in meinem Lieblingshostel namens Plubpla einquartiert. Nachdem ich schon zweimal für jeweils ein paar Tage hier war, ist das beinahe ein bisschen wie nach Hause zu kommen. Bekannte und freundliche Gesichter, vertraute Umgebung.

In der Kneipe ums Eck serviert mir eine 23-jährige Kambodschanerin mit bezauberndem Lächeln ein kühles Chang. Sie ist schon einige Jahre weg von zuhause. Die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, um damit die Familie zuhause unterstützen zu können, ließ sie im zarten Alter von 16 Jahren nach Kuala Lumpur, Malaysia, gehen. Seit 2 Jahren ist sie nun hier in Bangkok. Sie wohnt in einer schäbigen 20m²-Wohnung, arbeitet zwischen 11 und 14 Stunden an 6 Tagen pro Woche und bekommt dafür umgerechnet 700 Euro. Ein Stück des Kuchens wandert Monat für Monat auf das Konto ihrer Familie. Trotzdem schafft sie es, sich monatlich einen kleinen Betrag auf die Seite zu legen, um ihrem großen Traum, Chinesisch studieren zu können, schrittweise näher zu kommen. Im Gespräch mit ihr schleicht sich auf leisen Sohlen die Frage an mich heran, welche Träume ich selbst eigentlich habe – abgesehen von dem Traum, den ich mir mit dieser Reise gerade erfülle – und was ich bereit wäre, für deren Erfüllung zu tun oder auch zu entbehren. Wie sich mir zeigt, ist es gar nicht so einfach, Zugang zu sich selbst, zu dieser Frage nach den eigenen Träumen, zu finden. Spüre ich in mich hinein, tauchen auch schnell scheinbar unwiderlegbare Argumente dagegen auf, ich bezeichne mich selbst als realitätsentrückt und/oder verrückt. Irgendwann weiß ich nicht mehr, welche der beiden  inneren Stimmen vom Engelchen und welche vom Teufelchen stammt. Vor allem, wenn es darum geht, meine Träume auch wirklich zu leben, braucht es Klarheit und nicht zuletzt eine ordentliche Portion Mut. Nun, diese Frage würde mich noch zu beschäftigen wissen.

23.1.2018 Beim Durch-die-Stadt-Schlendern komme ich an einer Bocciabahn vorbei, auf welcher mehrere Herren ihre Ziel- und Treffsicherheit mit den metallenen Kugeln auf beeindruckende Art und Weise darbieten. Fasziniert schaue ich ein Weilchen zu. Irgendwann fragt mich einer der Thai in gebrochenem Englisch, ob ich denn mitspielen wolle. Ohne zu zögern, höre ich mich selbst die Worte „I don’t have balls“ antworten. Er lächelt verständnisvoll und wendet sich wieder dem Spiel zu. Es bedarf keines seiner Blicke, runter zu meiner Leibesmitte, um mir der Doppeldeutigkeit meiner Aussage bewusst zu werden, während mein Gesicht blitzartig die Farbe wechselt.

24.1.2018  Meinen Plan, flott nach Malaysia weiterzureisen, habe ich verworfen. Stattdessen gönn‘ ich mir eine Pause vom Reisen. Eine Insel soll es sein. Thailand bietet sich an. Will man das oft zitierte, ursprüngliche Inselfeeling Thailands von vor den großen Touristenströmen im Jahr 2018 noch finden, so merkt man rasch, dass dies nicht so ganz einfach ist. Es gibt sehr wenige Inseln, die diesbezüglich viel versprechen. Ich entscheide mich schließlich für Koh Phayam in der Andamanensee und werde nicht enttäuscht. Auf der Insel gibt es keine Autos und keine partylüsternen Spätpubertierenden. Der Strand ist, wie fast überall in Thailand, in Staatsbesitz und muss somit der Allgemeinheit zugänglich sein, was bedeutet, dass man sich sein favorisiertes Fleckchen Sand ohne Einschränkungen aussuchen kann. Mein Lieblingsplätzchen auf der Insel ist die Buffalo Bay. Weder Sonnenschirme, noch Reihen von Strandliegen stören die Idylle. Das Wasser hat beinahe schon zu warme 27°C. Mein Bambusbungalow, für den ich pro Nacht umgerechnet 15 Euro bezahle, liegt am Südende der Bucht, nahe an den Mangroven. Die Dielenbretter haben Abstände von mehreren Zentimetern, somit kann ich getrost von einer unabgesprochenen, artübergreifenden Wohngemeinschaft sprechen, in welcher ich es mir für 2 Wochen einrichte. Strom gibt es von 18-24h und an der Hängematte, die auf der Terrasse baumelt, komm‘ ich nur selten vorbei, ohne ihrem Ruf zu folgen.

29.1.2018 Langsam wird es Zeit, in die nähere Zukunft zu blicken. In zwei Monaten wird mich eine liebe Freundin in Neuseeland besuchen kommen, wir wollen dann die Südinsel für drei Wochen gemeinsam bereisen. Ich brauche also einen Plan, um pünktlich dort zu sein und überlege, welche Zwischenziele ich am Weg dorthin ansteuern möchte, und wie ich die An- und Weiterreise danach für mich sinnvoll gestalte. Jedenfalls ist mir zunächst einmal nach Fischerl-Schauen zumute und ich muss nicht lange recherchieren, um als geeignetstes Ziel hierfür auf Indonesien zu stoßen. Jedoch ist der Inselstaat sehr groß und dort gibt es gleich mehrere der weltbesten Tauchreviere, was die exakte Auswahl nicht ganz einfach macht. Genau werde ich mich in den nächsten Tagen festlegen. Heute buche ich erstmal einen Flug nach Neuseeland und von dort aus weiter nach Südamerika. Ohne Weiterreiseticket wird einem in Neuseeland nämlich die Einreise verweigert. Und dann beschäftige ich mich noch mit sehenswerten Orten auf der neuseeländischen Südinsel und einer passenden Route, die wir in der zur Verfügung stehenden Zeit mit dem Camper abfahren könnten.

Einst wollte mein Vater nach Neuseeland auswandern (nein, ich glaube, es hatte nichts mit meiner Geburt und daraufhin plötzlich einsetzenden Fluchtreflexen zu tun), er hat allerdings bislang nie eine Reise dorthin angetreten. Da er auch in der Bergmannstadt Eisenerz und den umliegenden Bergen unzählige paradiesische Flecken hat für sich entdecken können, wird es ihn nicht weiter stören. Dennoch freue ich mich jetzt schon darauf, ihm von diesem Land berichten zu können.

4.2.2018 Ich lese gerade „Die kleine Bäckerei am Strandweg“, geschrieben von Jenny Colgan für die Zielgruppen Frauen und richtige Männer. Da ich mich angesprochen fühlte, hab ich es mir vor meiner Abreise auf meinen Ebook-Reader geladen. Es handelt von einer Frau, die aus der Not heraus ihren Traum zu leben beginnt. Und da war sie wieder, die Frage nach dem erfüllten Leben. Nicht, dass ich mein Leben nicht mag,  jedoch schadet es wohl nichts, einmal inne zu halten und sich zu fragen, was man eigentlich vom Leben will. Warum bin ich hier? Also nicht hier auf Koh Phayam. Sondern allgemein. Wann kann ich auf der allerletzten Seite in Dich, liebes Tagebuch, schreiben, dass es sich nicht nur gelohnt hat, sondern dass es richtig, richtig gut war? Darüber denk ich sehr viel nach in letzter Zeit.

Zwischendurch halte ich die Luft an. Meine neue Passion ist das Apnoetauchen. Eine gute Übung, um darin besser zu werden, ist das statische Training. Dabei hält man, bäuchlings im Wasser liegend, die Luft möglichst lange an. Ich habe heute 3:04 Minuten bei suboptimalen Bedingungen geschafft, was mich sehr stolz gemacht hat. Kann ich diese Zeitspanne irgendwann auch in Bewegung und Tiefe durchhalten, so würde ich mir ein zweites Standbein als nebenberuflicher Perlentaucher in Polynesien aufbauen können – wenn ich denn wollte. Zuvor aber werde ich noch ein wenig auf Bali üben, um im Anschluss daran wieder dem Gerätetauchen in Raja Ampat, Papua, und im Komodo-Nationalpark östlich von Bali, zu fröhnen.

Hat man kein eigenes Fahrzeug, muss man zu Fuß über die Grenze zwischen Kambodscha und Thailand.
Lieb gewonnene Hostelbesitzerin in Bangkok
Jackfruit Stand bei einem Fest im Lumpini Park, Bangkok
Animal Beachparty in der Buffalobay auf Koh Phayam
Hüttchen bei „Junes‘ Horizon“ an einem schattigen Plätzchen, 15m zurückversetzt vom Strand
Einer der süßen Strandhunde
Body Artwork (oder so) der Bangkoker Jugend als Ausgleich am freien Wochenende.
Schlammspringer in den Mangroven am südlichen Ende der Bucht
Alle Tage wieder: Sunset
Wir Schwoarzn san überall
Über Singapur und den Äquator Richtung Bali
Barrierefreiheit am Flughafen in Singapur
When fortune knocks, open the door!

 

6 Antworten auf „Die Perlentaucher von Polynesien“

  1. Ein Hallo in den sonnigen Osten
    Ich bin mir zur Zeit nicht sicher ob Engelchen oder Teufelchen uns die Schneemassen runter schickt, aber eins bin ich mir bewusst , ich muss sie irgendwie, irgendwo beiseite schaffen…
    Und wenn ich ehrlich bin ist der Fitnessgedanke bei jeder Schaufel mit dabei……..(Kraftkammer). Also hat für mich der unberührte weisse Schnee auch seinen Reiz…
    Ganz liebe Grüße von einer herrlichen Winterlandschaft
    PS In den nächsten Tagen soll es bis zu -20 ° bekommen…
    Rosi

    1. Hallo Rosi, meine treue Leserin!
      Ja, diesen Winter trainiert Frau Holle auch fleißig ihre Armmuskulatur. Bin mir aber sicher, am Ende bist Du die Fittere. Und bald schon wird der Frühling erwachen!
      Hier auf Bali ist gerade Regenzeit. Die Natur strotzt nur so vor Leben. Sauna braucht man hier aber gewiss keine.
      Lieben Gruß!
      Harald

  2. nochmals ‚Gratulation ! musste das zweimal lesen !!
    ein Erlebnis der Sonderklasse mit so schönen Texten und so toll
    geschrieben Eindrücken – beeindruckend diese asiatischen Länder !
    liebe Grüsse aus Mooskirchen bei minus 13 Grad
    lg alois hiebler
    bitte schicke wenn du kannst weitere Infos !!!!!!!!!!!!!

  3. Was du erlebst ist Abenteuer pur !! Frühling ist mit einiger Verspätung angekommen, meine Freizeit verbringe ich sehr oft im Cafe Famoos ! Wichtig ist das du gesund wieder nach Hause kommst und uns alllllles in Form einer Präsentation erzählst !!
    liebe Grüße aus Mooskirchen
    ahie

    1. Hm, mal schauen. 😉 Eine Erzählung bei Kaffee und Kuchen oder Wein und Käse gibt’s ganz bestimmt, lieber Alois! Genieß die ersten Frühlingstage und die Wärme nach diesem langen Winter!! Wie Du natürlich allerbestens weißt, kann man am Oberen Markt tatsächlich hervorragend Sonne tanken…
      Liebe Grüße!

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